Gleichzeitig entsteht oft der Eindruck: Warum bieten Energieversorger und Netzbetreiber diese Lösungen nicht längst an? Die kurze Antwort lautet: Weil die Voraussetzungen dafür vielerorts noch im Aufbau sind – technisch, regulatorisch und systemisch. Und genau das ist der entscheidende Punkt: Die Ideen sind vielversprechend, doch an die praktische Umsetzung wurde von Politik und Co. wenig gedacht.
Ein System im Wandel – und mitten im Umbau
Die heutige Energieversorgung ist über Jahrzehnte gewachsen und basiert auf klaren Strukturen:
- wenige große Erzeuger
- eindeutig definierte Marktrollen
- lineare Lieferbeziehungen
Die neuen Konzepte stellen diese Logik dagegen auf den Kopf: Strom wird heute viel dezentral erzeugt, Verbraucher werden zu Produzenten und die Energieflüsse verlaufen nun in beide Richtungen. Das bedeutet: Bestehende Systeme müssen nicht nur angepasst, sondern teilweise grundlegend neu gedacht werden. Diese Transformation passiert – aber sie braucht Zeit.
Energy Sharing: Mehr als nur Strom teilen
Energy Sharing – also das Teilen von lokal erzeugtem Strom über Grundstücks- oder Netzgrenzen hinweg – klingt einfach: Lokal erzeugter Strom wird vor Ort und gemeinsam genutzt. In der Praxis steckt dahinter jedoch ein hochkomplexes Zusammenspiel.
Obwohl europäische Vorgaben (z. B. aus der Renewable Energy Directive) Energy Sharing grundsätzlich ermöglichen, bleibt die Umsetzung in nationales Recht oft unklar oder unvollständig. So erschwert eine unübersichtliche Abgaben- und Umlagestruktur die Wirtschaftlichkeit des Modells, zudem mangelt es nach wie vor an klaren Definitionen – etwa wer überhaupt als „Energiegemeinschaft“ gilt.
Zudem gibt es weitere Knackpunkte:
Rollenverteilung unklar
Wer übernimmt was?
- Messstellenbetreiber
- Lieferant
- Plattform
- Bilanzkreisverantwortlicher
Die klassischen Marktrollen greifen bei einem Modell wie Energy Sharing nicht mehr sauber.
Netzentgelte und Umlagen
Aktuell fällt auf geteilten Strom häufig ein Großteil der üblichen Netzentgelte an – selbst, wenn er lokal erzeugt und verbraucht wird. Dadurch schrumpf der wirtschaftliche Vorteil gegenüber klassischem Strombezug.
Komplexe Marktmechanik und neue IT-Anforderungen
Damit geteilter Strom korrekt bilanziert wird, müssen viele Prozesse zusammenspielen: Die Messung muss in kurzen Zeitintervallen erfolgen, die Zuordnung zu einzelnen Verbrauchern muss absolut klar sein und das Konstrukt muss in bestehende Marktrollen integriert werden können. Diese Prozesse laufen an sich stabil – allerdings nur für das herkömmliche Systemdesign.
Die erforderlichen Marktkommunikationsprozesse müssen erst noch durch die entsprechenden Fachgremien definiert werden. Relevante API-Webdienste und Datenformate sollen zum 1. Oktober 2026 veröffentlicht und ab 1. Oktober 2027 verbindlich angewendet werden.
Um all das umsetzen zu können, sind deutlich leistungsfähigere IT-Systeme nötig. Die neuen Anforderungen sind:
- Echtzeit- oder nahezu Echtzeit-Datenverarbeitung mit viertelstundenscharfen Messdaten
- komplexe Allokationslogiken
- neue Abrechnungsmodelle
Viele bestehende Systeme bei Versorgern sind dafür schlicht (noch) nicht ausgelegt. Deshalb bedarf es in der Branche umfangreicher Investitionen: Die Entscheidungen – für möglichst flexible Systeme – müssen aber aktuell unter Unsicherheit getroffen, da regulatorisch noch sehr viel in Bewegung ist. Das macht es weder einfach noch sorgt es für Beschleunigung.
Fazit:
Die Herausforderung liegt weniger im Konzept als in der Integration in bestehende, regulierte Systeme.
GGV: Einfach in der Idee, komplex im Betrieb
Die Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung (GGV) soll es ermöglichen, Strom aus einer PV-Anlage unkompliziert im gesamten Gebäude zu nutzen – etwa im Mehrfamilienhaus.
Wo die Herausforderung liegt:
Vielfältige Akteursstruktur
In einem einzigen Gebäude treffen dabei unterschiedliche Interessen aufeinander:
- Eigentümer
- Mieter
- Anlagenbetreiber
- Energieversorger
Diese Konstellationen müssen rechtlich und vertraglich sauber abgebildet werden. Für den Energieversorger bringt die GGV viele individuelle Vertragskonstellationen je Gebäude, komplexe Kundenbeziehungen zwischen Eigentümer, Mieter und Betreiber sowie einen erhöhten Abrechnungsaufwand mit sich.
Individuelle statt standardisierter Lösungen
Auch jedes Gebäude ist anders:
- technische Ausstattung
- Zählerstruktur
- Nutzerverhalten
Das erschwert skalierbare, standardisierte Angebote.
Mess- und Dateninfrastruktur im Aufbau
Für die GGV ist eine präzise digitale Messtechnik mit zuverlässiger Datenkommunikation notwendig. Der flächendeckende Einsatz intelligenter Messsysteme befindet sich jedoch noch im Rollout und ist vielerorts noch nicht abgeschlossen.
Rechtliche Unsicherheiten
Neue gesetzliche Regelungen sind zwar in Bewegung, aber in der Praxis gibt es viele Interpretationsspielräume und fehlende Standards sowie rechtliche Risiken für die Anbieter erschweren die Umsetzung.
Wichtig:
Viele Versorger arbeiten bereits an Lösungen – aber die breite Marktfähigkeit entsteht erst mit wachsender Standardisierung und Infrastruktur.
Bidirektionales Laden: Großes Potenzial, hohe Anforderungen
Elektroautos als mobile Speicher – das Potenzial ist enorm. Bidirektionales Laden ermöglicht es, Strom aus dem Fahrzeug zurück ins Haus oder ins Netz zu speisen.
Warum es noch nicht im Massenmarkt ist:
Integration ins Stromnetz ist komplex
Anders als klassische Verbraucher können Fahrzeuge Strom auch wieder ins Netz einspeisen.
Netzbetreiber müssen dabei sicherstellen, dass die Netzstabilität jederzeit gewährleistet bleibt und Einspeisungen – in Echtzeit – steuerbar und prognostizierbar sind. Bidirektionale Einspeisung erhöht die Komplexität allerdings massiv.
Fehlende Marktregeln und Standards
- Keine flächendeckenden regulatorischen Rahmenbedingungen
- Unterschiedliche technische Standards (Vehicle-to-Home, Vehicle-to-Grid)
- Zertifizierungs- und Zulassungsfragen ungeklärt
All das entwickelt sich derzeit – aber ist noch nicht flächendeckend etabliert.
Wirtschaftlichkeit noch in Entwicklung
Für viele Anwendungen ist der Business Case noch nicht eindeutig:
- Vergütung für Rückspeisung fehlt oder ist zu gering
- Batteriedegradation (Verschleiß) ist ein Kostenfaktor
- Investitionen in Wallbox und Infrastruktur sind hoch
Ergebnis:
Der Markt ist in der Pilotphase – mit viel Bewegung, aber noch ohne breite Skalierung.
Warum Versorger und Netzbetreiber nicht „einfach schneller“ sind
Es liegt nahe zu fragen, warum diese Themen nicht schneller vorankommen. Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch: Die Rahmenbedingungen sind anspruchsvoll.
Hohe Anforderungen an Versorgungssicherheit
Energieversorgung gehört zur kritischen Infrastruktur. Neue Modelle müssen zu 100 % zuverlässig im Massengeschäft funktionieren – nicht nur im Pilotprojekt.
Regulierte Umgebung und ausgedehnte Systemlandschaften
Versorger und Netzbetreiber agieren nicht frei am Markt. Sie haben gesetzliche Vorgaben zu erfüllen, regulatorische Genehmigungen zu beachten und komplexe Abstimmungsprozesse einzuhalten. Veränderungen brauchen daher Zeit, denn die Regulierung ist in der Regel langsamer als die Innovation.
Zudem sind die IT-Systeme über Jahre gewachsen und hoch integriert. Ein Umbau kann deshalb nur schrittweise und unter laufendem Betrieb erfolgen. Gleichzeitig sind die notwendigen Investitionen erheblich – oft ohne unmittelbare Sicherheit, dass sich diese wirtschaftlich wirklich auszahlen.
Der entscheidende Punkt: Die Entwicklung läuft bereits
Wichtig ist: Die Branche ist keineswegs untätig – im Gegenteil. Energy Sharing, Gemeinschaftliche Gebäudeversorgung oder bidirektionales Laden können ohne Zweifel wichtige Bausteine der zukünftigen Energiewelt werden. Dass sie heute noch nicht flächendeckend verfügbar sind, liegt nicht an mangelndem Engagement, sondern an der Komplexität des Systems, in das sie integriert werden müssen. Oder bildlich gesprochen: Die Energiewirtschaft baut das neue Flugzeug nicht am Boden, sie baut das bestehende während des Fluges um.
Mit jedem Pilotprojekt, jeder neuen Regelung und jeder technischen Weiterentwicklung kommen diese Konzepte dem Alltag ein Stück näher. Und genau darin liegt die eigentliche gute Nachricht: Die Richtung stimmt – und der Wandel ist längst in vollem Gange.
